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Ein antiker Tempel in Krefeld: Rein zufällig geriet ich Anfang des Jahres 2021 einmal mehr in die Sendung „Hamzi mal ’ne Frage“ der WDR-Lokalzeit Düsseldorf. Dort hieß es: „Auf einer Wiese … steht ein Gebilde aus Stein, es ähnelt einem Altar oder einer Bühne. Warum steht es so verlassen und was steckt dahinter?“

Gezeigt wurde das Heiligtum im Stadtteil Elfrath, dessen Geschichte den wenigsten Bürgerinnen und Bürgern bekannt sein dürfte. Selbst Menschen aus der näheren Umgebung konnten bei der Befragung durch Hamzi Ismael keine Auskunft geben und mutmaßten „einen Bunker“, „eine Partystätte“ oder einen Ort, wo man „schwarze Messen“ feiern könne.  Wer nun die Presse in den letzten Wochen aufmerksam verfolgt hat, konnte den Lokalnachrichten entnehmen, dass sich die teil-rekonstruierte Anlage in einem ziemlich desolaten Zustand befindet. Nun steht fest: sie soll wieder ansehnlich hergerichtet werden. Das wird allerdings auch höchste Zeit, da gerade die erhoffte Eintragung herausragender römerzeitlicher Fundorte am Niederrhein in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten im Jahr 2022 sowohl einen behutsamen Umgang mit Relikten unserer Vergangenheit als auch öffentlichkeitswirksame Maßnahmen erfordert, auch wenn sie nicht direkter Bestandteil des Antrags sind.

Der Fundort im Winkel zwischen Charlottering im Süden und Werner-Voß-Straße im Westen war der Kommunalarchäologie im Museum Burg Linn durch die Fundmeldung eines ehrenamtlichen Mitarbeiters schon seit 1979 bekannt. Als man dort eine Bezirkssportanlage plante, wurden 1988 Ausgrabungen vorgenommen. Es sollte geklärt werden, ob es sich möglicherweise um den Standort eines römischen Gutshofes handelt, auf den einige Funde schließen ließen. Zum Vorschein kamen steinerne Fundamentreste, die überraschenderweise zu einem durch zwei Gräben umfriedeten, so genannten römerzeitlichen Podiumstempel gehören. Der heilige Bezirk umfasste ein Areal, das von einer zweiphasigen Grabenanlage eingefasst war. Des Weiteren wurden Fundamente eines Altars und ein Brunnen gefunden. Reste von Backöfen lassen auf die Bereitstellung von Brot während der zeremoniellen Handlungen schließen. Der Tempel war im 2. Jh. an der Stelle eines älteren Kultplatzes erbaut worden. Durch einen nur fragmentarisch erhaltenen Inschriftenfund wird er dem einheimischen Gott Hercules Deusoniensis zugewiesen – eine Gottheit, die einzig durch Münzen des Usurpators Postumus, erster Kaiser (260-269 n. Chr.) des gallischen Sonderreichs bekannt ist. Die Anlage wurde am Ende des 3. Jh. zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Unmittelbar nach den Ausgrabungen erfolgte die Eintragung in die Denkmalliste der Stadt Krefeld. Es wurde außerdem beschlossen, die Grabungsergebnisse durch eine Rekonstruktion öffentlichkeitswirksam erlebbar zu machen und die Sportanlage abweichend von der ursprünglichen Planung weiter östlich zu bauen. Leider fehlt bis heute eine Informationstafel mit entsprechenden Erläuterungen, so dass zufällige Spaziergänger vor einem Rätsel stehen. Außerdem wird das Mauerwerk rundum seit Jahren mit diversen Graffitis verunziert. Umso erfreulicher ist die Nachricht, dass es einen Antrag der Bezirksvertretung Ost gibt: Die Anlage soll wieder hergerichtet und künftig sinnvoll genutzt werden. Denkbar seien etwa „Feste oder Märkte mit Bezug zur Römerzeit“ und die Aufstellung einer „passenden Beschilderung“ (WZ, 13. April 2021, S. 15).

Dr. Julia Obladen-Kauder

Literatur

Christoph Reichmann, Ein neues Heiligtum in Krefeld-Elfrath. In: Arch. Rheinland 1988 (Köln/Bonn 1989), S. 72-77;

ders., Die Heimat 62, (Krefeld 1991), S. 144-161.

1988: Grabungsfotos mit den Fundamenten des Podiumstempels

(Museum Burg Linn, Krefeld)

Gesamtplan (LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland

nach Angaben Museum Burg Linn)